15 Mrz, 2016

Der Blick von außen: Wie das Reisen mein Leben verändert hat

15 Mrz, 2016

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Ich habe ein wenig in meinen alten Reisenotizen gestöbert. Was ich hier gefunden habe, habe ich auf meiner ersten Solo-Backpackingreise, die nun einige Jahre zurückliegt, geschrieben:

 

“Mir scheint es so, als würden wir beim Reisen zu unserem wahren Selbst finden. Wir kommen zu uns, können unser Leben und uns selbst aus einem objektiven Blickwinkel betrachten.

 

Die Menschen in unserem Leben, die wir lieben, diejenigen die auch uns lieben für das was wir sind, spielen eine immens wichtige Rolle in unserem Leben. Und doch schlüpfen wir dort, wo wir zuhause sind, auch in eine bestimmte Rolle.

Es ist die Rolle einer Person, zu der wir uns über die Jahre hinweg entwickelt haben- mit bestimmten Charakterzügen und Eigenschaften, die uns zugeschrieben werden, für die wir bekannt sind, für die wir geliebt (oder auch gehasst) werden auf Grund von Erfahrungen, die wir mit diesen Menschen teilen. Wir werden geformt durch unsere Erfahrungen und durch die Menschen, die uns umgeben.

 

Meiner Meinung nach ist dies auch eine wunderbare Sache, denn wir brauchen diese Menschen, die uns von Grund auf, in- und auswendig kennen und uns in unserer ganzen Art lieben. Ansonsten wären wir möglicherweise nur wandernde Seelen ohne irgend etwas, das uns erden kann.

 

Doch von Zeit zu Zeit müssen wir uns selbst aus diesem Umfeld herausreißen, um uns selbst in einem anderen Licht betrachten zu können. Uns selbst und unser Leben neu bewerten. Persönliche Eigenschaften und Fähigkeiten, die vielleicht bis dato in unserem gewohnten Umfeld untergegangen sind, kommen beim Reisen plötzlich zum Vorschein.

 

Wir beginnen die Welt mit anderen Augen zu sehen.

 

Wir sehen plötzlich wie wir mit dem Phänomen der Fremde umgehen können und wie stark wir eigentlich sind. Sehen, welche Eindrücke von uns in Menschen erweckt werden, die wir nicht schon ein Leben lang kennen. Wir erkennen Fähigkeiten und Attribute in uns, von denen wir nie wussten, dass wir sie haben.

Aufeinmal sehen wir unser Leben und unsere Beziehungen in einem neuen Licht. Wir erkennen vielleicht, dass es Menschen gibt, die wir nicht genug schätzen oder Dinge, die wir ändern sollten. Wir werden uns klarer über unsere Gefühle hinsichtlich bestimmter Beziehungen, unserem Job, Studium oder Hobbies..

Wir lernen immer ein bisschen mehr über uns selbst wenn wir auf Reisen mit gewissen Schwierigkeiten konfrontiert werden. Das Alleinsein und sich verlaufen, Geldprobleme, Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten, Kontaktaufbau zu anderen Menschen..

 

Bei meiner ersten Backpackingreise in Portugal.

Bei meiner ersten Backpackingreise in Portugal.

 

Möglicherweise merken wir, dass wir stärker und widerstandsfähiger sind als wir zuvor dachten. Oder es kommen gewisse Schwächen zum Vorschein, denen wir gerade beim Reisen bewusst entgegenwirken können.

Wir beginnen unsere aktuelle Situation zu reflektieren: Mag ich meinen Job eigentlich? Gehe ich darin auf? Gibt es etwas, das mir mehr liegen oder mehr Spaß machen würde? Was will ich eigentlich im Leben erreichen und was sind meine Wünsche und Träume?

 

Was daraus resultiert:

Wir gehen nach alledem entweder mit neuem Mut und mit gefundener Bestätigung wieder an unser Leben ran, wie es bisher war oder wir kommen zum Schluss, dass wir etwas in unserem Leben ändern müssen, weil wir mit der aktuellen Situation oder mit uns selbst unzufrieden sind.”

 

Erster Backpackingtrip. Sonnenuntergang in Tavira, Portugal.

Erster Backpackingtrip. Sonnenuntergang in Tavira, Portugal.

 

Reisen hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Diese erste Reise stellte in Bezug auf mein Leben und vor Allem mich selbst eine 180-Grad-Wendung dar.

 

Ich war schon immer ein Mensch, der wusste, dass unsere Zeit auf dieser Erde begrenzt ist und wir jeden Moment auskosten sollten- aber bis ich mit dem Reisen anfing, wusste ich rückblickend wohl nie, was das wirklich für mich bedeutete.

 

Nach meiner ersten Backpacking-Reise wusste ich, dass meine große Liebe das Reisen selbst war. Es war die Welt da draußen, die mein Herz zum Pochen brachte. Und nichts- kein Mensch, keine materielle Sache- konnte dieses Gefühl jemals ersetzen.

Und das hat sich bis heute auch nicht geändert. Während dieser Reise bemerkte ich, dass die Beziehung in der ich jahrelang war, mich nicht mehr glücklich machen konnte. Dass ich bis dato aus Angst etwas Falsches zu tun, nie große Veränderungen in meinem Leben vorgenommen hatte. Viel zu selten einfach auf mein Bauchgefühl gehört habe.

Dann, nach der zweiten großen Reise im Jahr drauf, merkte ich, dass ein “normales” Leben mit geregeltem 9-to-5-Job für mich nicht mehr in Frage kommen würde. Ich liebte es einfach zu sehr, neue Orte und Kulturen kennenzulernen als dass ich mein Leben an nur einem Ort hätte verbringen können. Das war der Punkt, an dem ich angefangen habe, einen Weg zu suchen, mein Geld ortsunabhängig zu verdienen, sodass ich von überall in der Welt als digitaler Nomade arbeiten konnte- ein Ziel, dem ich mich Tag für Tag nähere.

 

Eine der ersten, langen Busfahrten durch den Süden Spaniens.

Eine der ersten, langen Busfahrten durch den Süden Spaniens.

 

Ich weiß nach alldem jetzt, dass das Reisen zwar meine große Liebe ist, aber dass der Mut und das Glück und alles Andere, was wir brauchen, allein in uns selbst wohnt und nicht erkauft oder gesucht und gefunden werden kann.

 

So oder so: Nimm ab und zu einen Schritt zurück und atme mal durch. Tu mal so, als wärst du der Erzähler in der dritten Person deiner eigenen Lebensgeschichte. Oder stell dir vor, du würdest über dich hinweg schweben und auf dein Leben herab schauen. Was siehst du von dort oben? Ich bin mir sicher, dass es dir helfen wird (wieder) zu dir selbst zu finden. 😉

 

 

7 Comments:

  • Petra Yahrling März 16, 2016

    Der Blick von außen – solch ein toller Beitrag, voller Inspiration und tiefer Einblicke!! Danke 🙂

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