18 Feb, 2016

Loslassen- Von der Liebe zur Ungewissheit

18 Feb, 2016

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“Doch du kannst das Leben und seine Geheimnisse nicht verstehen, solange du es zu fassen suchst. Ja, du kannst es gar nicht ergreifen, ebenso wenig wie du einen Fluss im Eimer davontragen kannst. Wenn du versuchst, fließendes Wasser in einem Eimer einzufangen, so zeigt das, dass du es nicht verstehst und dass du immer enttäuscht sein wirst, da das Wasser im Eimer nicht fließt. Um fließendes Wasser zu haben, musst du es loslassen, es fließen lassen.”

-Alan W. Watts, “Die Weisheit des ungesicherten Lebens”

 

Schon unser ganzes Leben wird uns eingetrichtert, dass wir einen Plan haben sollen. Was wir machen wollen, wie unser Leben auszusehen hat, in welche Richtung wir gehen.. Wir müssen Entscheidungen treffen, die angeblich unser ganzes Leben beeinflussen. Es fängt schon in der Schule damit an, welche Fächer wir wählen wollen. Denn die Fächer sollen ja danach gewählt werden, was wir später beruflich machen möchten. Nach der Schule müssen wir uns dann der “lebenswichtigen” Frage stellen- “Und nun?”

Und seien wir mal ehrlich, wer weiß schon mit 16, 17 oder 18, was er gern aus seinem Leben machen möchte? Ich zumindest hatte keinen blassen Schimmer.

 

Diese Entscheidung ist in jenem Moment exorbitant wichtig, denn wissen wir noch nicht was wir tun wollen, stellt das ja quasi schon einen schlechten Start in die Erwachsenenwelt dar. “Das geht ja gut los.. das Kind hat ja noch keine Ahnung, was es mit seinem Leben machen möchte..”

Vielleicht wollen wir auch einfach nur mal ein wenig reisen, unsere Zeit auskosten und die Welt entdecken- “Um Himmels Willen, eine Lücke im Lebenslauf? Das geht doch nicht!”

Wissen wir gar nicht, was wir machen wollen, studieren wir vielleicht etwas, was uns “irgendwie so interessiert”, um die Zeit ein wenig hinauszuzögern, bis wir uns wirklich entscheiden müssen.

Diejenigen, die seit ihrem zehnten Lebensjahr wissen, dass sie z.B. Arzt werden wollen, scheinen es dabei natürlich am Leichtesten zu haben.

Aber was soll das Ganze eigentlich? Warum müssen wir in so jungem Alter schon festlegen, was wir ein Leben lang machen wollen? Und wenn wir uns entschieden haben, wer sagt, dass es ein Leben lang dabei bleiben muss?

 

Meiner Meinung nach, ist es genau diese Erwartungshaltung aus unserer Umgebung, die uns dazu antreibt, unser Leben von vornherein ständig planen zu müssen. Schule, Karriere, Familie, Ruhestand. Und dann nach der Rente, DANN dürfen wir anfangen zu leben, denn dann hat man ja das notwendige Geld, um auch zufrieden und ausgelassen leben zu können. Dann, nach 5 Jahrzehnten Arbeit, hat man es sich ja “verdient”, das Leben zu genießen.

 

Am Erstaunlichsten finde ich den berüchtigten “10-Jahresplan”. Na klar, ist es wichtig, sich Ziele zu setzen und dem, was man sich mit Leidenschaft wünscht, auch nachzugehen. Und Pläne zu schmieden, das ist auch eine tolle Sache. Aber was, wenn bei all dem Planen etwas dazwischen kommt? Wie zum Beispiel das Leben. Mit all seinen Wendungen und Überraschungen. Dann stehen wir da, nur mit unseren Plänen und Ideen und Vorstellungen eines Lebens, die wir möglicherweise dann nicht mehr realisieren können.

 

Das Leben ist unberechenbar. Und wenn wir ständig damit beschäftigt sind, zu versuchen, es für uns einzunehmen, es zu kontrollieren, es festzuhalten, es in eine uns beliebige Form zu drehen, zu wenden und zurechtzubiegen, geht uns das Hier und Jetzt bei alledem flöten. Während wir gedanklich ständig nur in der Zukunft leben, verpassen wir alles, was die Gegenwart, was das Leben ausmacht.

 

Denn zu leben bedeutet irgendwie alles, und auch nichts, zu erwarten.

 

Diese Angst, die wir haben, das Leben einfach mal loszulassen, uns weniger wichtig zu nehmen, macht sich dann in vielen Bereichen des Lebens bemerkbar. Wir klammern uns an Dinge, die unserem Leben einen “Sinn” geben sollen- an unsere Karriere, einen Gott, einen Partner.. Wir werden abhängig von diesen Instanzen und sobald diese dann verschwinden, uns enttäuschen, wir gefeuert werden oder mit uns Schluss gemacht wird, bricht unsere ganze Welt zusammen. Aber brauchen wir eigentlich diese eine Sache, um unserem Leben einen Sinn zu geben?

 

Ein gutes Beispiel, wie ich finde: Partnerschaften. Ständig hört man Dinge wie: “Ich könnte ohne … nicht leben.”, “… hat meinem Leben erst einen Sinn gegeben!” und “… ist mein Ein und Alles!”

 

Klingt zwar alles sehr romantisch, aber wenn diese eine Person das “Alles” für einen darstellt, was bleibt, wenn diese Person nicht mehr da ist oder die Beziehung in die Brüche geht? Und ist es nicht schlecht für eine Beziehung, so sehr voneinander abhängig zu sein? Bleibt das eigene Selbst nicht dabei auf der Strecke?

Allzu oft machen wir diese Person, der wir eine so große Bedeutung beimessen, dann zu unser eigen. Diese Person und diese Beziehung soll uns glücklich machen, soll unserem Leben einen Sinn geben und soll uns gehören. Wir wollen es in der Hand haben, es kontrollieren und im schlimmsten Falle: zu unserem Gunsten und unseren Wünschen verändern.

 

In Bezug auf das obige Zitat: Wir können Personen, Dinge oder das Leben selbst versuchen “einzufangen”, wie das fließende Wasser, doch es wird nie funktionieren. Wir werden das Wasser dann zwar “für uns haben” oder “besitzen”, doch es wird nicht mehr fließen und verliert somit seine ganze Eigenart. All das, was das Wasser ausmacht.

 

Meiner Meinung nach müssten wir den äußeren Instanzen in unserem Leben weniger Bedeutung beimessen und dafür mehr an uns selbst glauben und in uns Selbst unseren Sinn finden. Denn nur weil wir unserem Leben keinen bestimmten Sinn in Form einer Sache oder eines Menschen zuordnen, heißt es nicht, dass das Leben keinen Sinn hat.

Vor Allem aber sollten wir mehr im Hier und Jetzt leben. Und wenn im Leben was schief läuft, müssen wir uns einfach mal “Fuck it.” denken, unser Krönchen richten und weitergehen.

Und auch wenn’s nicht immer einfach ist: mal versuchen loszulassen.

 

 

Was denkst du? Wie stehst du zum Thema Sicherheit vs. Ungewissheit, bezogen auf unser Leben? Und hast du diese eine Sache, die deinem Leben Sinn gibt? Rein damit in die Kommentare! 🙂

 

 

 

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