04 Feb, 2018

Fragen und Sinnsuche: Ein Brief an die Mukoviszidose

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04 Feb, 2018

Liebe Mukoviszidose,

es ist das erste Mal, dass wir direkt miteinander sprechen. Aus irgend einem Grund hatte ich gerade die Eingebung, dir einen Brief zu schreiben und meine Gedanken und Gefühle dir gegenüber in Worte zu fassen. Du begleitest mich nun schon seit fast 27 Jahren- genauer gesagt schon länger, denn du hast dich ja im Prinzip schon direkt nach meiner Zeugung entwickelt und um noch genauer zu sein, bist du schon viel, viel länger da. Du bestandest schon in den Genen meiner Eltern und auch in vorherigen Generationen musst du ja schon gelebt haben. Irgendwie erstaunlich, oder? Und irgendwie auch ein kleines Wunder, dass du dich genau für meine Schwester und mich entschieden hast, um dich als Erkrankung zu manifestieren.


Wie oft ich dich in meinem Leben schon verdammt habe, wie oft ich schon wegen dir geweint, geschrien, geschimpft habe und beinahe verzweifelt bin an den Ängsten und Gefühlen, die du in mir hervorgerufen hast. Bisher habe ich dich, wie ich glaube, auch oft mit meinem eigenen Körper verknüpft oder dich vielleicht sogar mit diesem verwechselt. „Meine Scheiß Lunge,“ hieß es dann, oder: „Warum bist du schon wieder so kaputt, träge und müde?“ „Warum musst du jetzt schon wieder so eine Enge in der Brust erzeugen und mir das Atmen erschweren?“

Und nun weiß ich, dass das weder dir, noch meinem Körper, das so unfassbar außergewöhnliche, magische Arbeit leistet, zu verschulden ist. Mittlerweile weiß ich einfach, dass du ein Teil von mir bist, dass du zu mir gehörst, wie ein Körperteil, das man ein Leben lang missachtet hat, bis einem klar wurde, dass man gemeinsam in einem Boot steckt und mit vereinter Kraft gen Ufer rudern muss.

Und dennoch frage ich mich manchmal: Warum?

Wie kommt es, dass du dir mich und diesen Körper ausgesucht hast? Und irgendwo weiß ich die Antwort, zumindest kann ich sie zu einem Teil beantworten. Denn ob ich mein Leben sonst so sehr auskosten würde, wie ich es jetzt tue, weiß ich nicht und das kann ich auch vermutlich nie beurteilen oder bewerten. Und auch weiß ich, dass ich mit dem Buch, das ich geschrieben habe und meinen sonstigen Arten und Weisen, meine Geschichte zu erzählen, anderen Menschen helfen kann, besser mit ihrer Erkrankung umzugehen und das bedeutet mir auch die Welt. Aber irgend ein Teil meiner Antwort fehlt noch. Ich fühle, dass sich mir der Rest der Antwort noch zeigen wird.

Allenfalls möchte ich lernen, dich nicht nur zu akzeptieren, sondern dich auch wertzuschätzen. Dankbar bin ich dir schon in vielen Hinsichten, doch gerade in den Zeiten, in denen du mir den Atem zu nehmen scheinst, mir die Kehle zuschnürst, in denen jede Bewegung plötzlich so viel Kraft kostet oder mir der Atem fehlt, um meine liebsten Songs lauthals hinauszugrölen- in diesen Momenten frage ich mich, was dein tieferer Sinn ist.

Ich lerne zunehmend mit der Angst umzugehen, die ich manchmal aufgrund deines Daseins verspüre, diese Angst, dass du mich, unseren Körper und mein Leben ein- oder übernehmen könntest. Es fällt mir dennoch nicht leicht und die Angst holt mich immer mal wieder ein. Ich versuche, die Dinge immer mehr so zu sehen, wie sie sind, die Vergänglichkeit und ständige Veränderung in allem zu erkennen. Dass selbst wenn es mir heute nicht gut geht, es morgen wieder besser sein kann, auch wenn vielleicht nur ein bisschen, oder vielleicht schon in einer Stunde oder gar in weniger als einer Minute.

Es hilft mir, zu wissen, dass wir alle aus den selben Elementen bestehen wie unsere Erde, dass es unsere Körper nicht für immer gibt, sondern wir, wenn unser Körper stirbt, dann mit der Erde, dem Himmel und dem Meer verschmelzen und zu eins werden. Somit leben wir einfach immer weiter- in den Wolken, in den Bäumen, in dem Boden unter unseren Füßen. Dass wir uns selbst in unseren Eltern, unseren Geschwistern und Freunden wiedererkennen, nicht unbedingt in physikalischer Form, sondern vor allem durch unser Sein und den Eindruck, den wir für immer auf unsere Umgebung, alle Menschen, mit denen wir in Kontakt treten, hinterlassen- genau so leben wir unendlich weiter.

Ich möchte dir also danken– für die schwierigen Zeiten, die mich als Mensch immer wieder stärker machen, als ich es vorher war und für die Tiefe, die du meinem Leben verleihst, für den Willen, den ich durch dich erhalten habe, diese Welt sehen und verstehen zu wollen, so wie sie ist und nicht lediglich, wie sie erscheint. Die schönsten Momente des Lebens in solchem Maße schätzen zu können und die schwierigsten Zeiten zu durchleben und aus ihnen lernen zu können.

Ich danke dir und bleibe weiterhin neugierig, wohlwissend, dass es auf meine Frage eine Antwort gibt und dass ich weiterhin lauthals meine liebsten Songs singen werde, egal wie sehr mir mal die Luft dabei wegbleibt.

 

 

Für mich war es sehr heilend, ein Brief an meine chronische Lungenerkrankung Mukoviszidose zu schreiben. Womit auch immer du dich auseinandersetzen möchtest, wem auch immer du schon immer etwas mitteilen wolltest, ob es eine Erkrankung ist oder eine sonstige Instanz oder ein Mensch in deinem Leben- nimm dir mal eine halbe Stunde Zeit, setze dich hin und schreibe einen Brief. Bleibe dabei von vornherein ganz offen, erwartungs- und haltungsfrei und schaue, was dabei rumkommt.

Was ist bei dir rausgekommen? Behalte es für dich oder teile es mit anderen Menschen. Ich freue mich über einen Bericht zu deiner Erfahrung 🙂

 

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2 Comments:

  • Julie Februar 25, 2018

    Ein wirklich berührender Text. Vielen Dank fürs Teilen!

    Ich bin schon seit vielen Jahren eine Verfechterin des therapeutischen Schreibens und kann deine Erfahrungen daher nur teilen. Auch ich habe schon des Öfteren meine Gedanken niedergeschrieben – sei es, weil der andere Mensch nicht mehr da war oder weil ich nicht den Mut hatte, dem anderen persönlich zu begegnen. Der Grund ist ja auch egal. Sich etwas von der Seele zu schreiben hilft, wirkt. Punkt. Oder eigentlich Ausrufezeichen. 😉
    Kennst du eigentlich den Blog http://www.schreibenwirkt.de? Ich mag den sehr gerne. Vielleicht ist er ja auch etwas für dich.

    Ich wünsche dir von Herzen alles Liebe
    Julie von http://www.julie-en-voyage.com

    P.s. Da ich deinen Blog grad erst entdeckt hab, schau ich mich jetzt erstmal ein bisschen um. 🙂

    Reply

    • Denise März 02, 2018

      Hallo liebe Julie,
      lieben Dank für deinen schönen Kommentar 🙂

      Mir persönlich hilft das Schreiben auch so, so sehr.. Wenn ich einen solchen Brief schreibe, richte ich ihn an irgendwen und merke aber eigentlich immer im Verlaufe des Schreibens, dass ich hauptsächlich über mich selbst etwas aufdecke(n möchte). Es ist immer faszinierend, wie wir die Dinge im Außen analysieren und dennoch immer wieder bei uns selbst ankommen. Die Webseite kannte ich bis dato nicht, schaut aber ziemlich interessant aus, lieben Dank für den Tipp!

      Ganz viele Grüße und alles Liebe,
      Denise

      Reply

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