10 Mai, 2016

Lieber Schwarz und Weiß statt immer nur Grau: Von den Höhen und Tiefen des Lebens

10 Mai, 2016

“Es war um nichts schade, was vorüber war. Schade war es um das Jetzt und Heute, um all diese ungezählten Tage und Stunden, die ich verlor, die ich nur erlitt. Die weder Geschenke noch Erschütterungen brachten. Aber Gott sei gelobt, es gab auch Ausnahmen, es gab zuweilen, selten auch andre Stunden, die brachten Erschütterungen, brachten Geschenke, rissen Wände ein und brachten mich Verirrten wieder ans lebendige Herz der Welt.”

-Hermann Hesse, “Der Steppenwolf”

 

Diese Passage stammt aus einem meiner Lieblingbücher von Hermann Hesse. In der Geschichte des „Steppenwolfs“ geht es um einen Mann, der sich stetig zerrissen fühlt zwischen seinem inneren Wolf und dem Menschen in ihm. Das Wölfische stellt dabei das Wilde, Chaotische, Ungezähmte und seine inneren Triebe dar, während der Mensch in ihm für das Bürgerliche, Vernünftige und Geistige steht.

 

Ich liebe die Werke von Hermann Hesse, da diese auch knapp ein Jahrhundert später immer noch sehr zeitgemäß sind und ich mich und das Leben immer sofort wieder erkenne und mich auf Anhieb in das einfühlen kann, was er sagen möchte. (Sehr zu empfehlen also, lies am Besten mal selbst nach 😉 ) In diesem Buch geht es noch um weitaus mehr, darum soll es aber gerade nicht gehen. Ich möchte gern auf das obige Zitat eingehen. Es beinhaltet eine unheimlich wichtige Message, meiner Meinung nach.

 

Es geht hierbei um eine bestimmte Lebensweise.

 

Du kennst sicher diese Tage. Irgendwie ist alles ganz OK. Man hangelt sich von einer Stunde zur nächsten und am Ende des Tages denkt man sich: Joa, den Tag habe ich wohl irgendwie rumgekriegt. Ein Tag, der nicht wirklich irgendwas besonderes beinhaltet, keine Hochs und keine Tiefs. Ein Tag ohne Geschenke und ohne Erschütterungen.

 

Es gab bisweilen schon Zeiten, in denen ich viele solcher Tage in Folge hatte. In der Zeit, in der ich in der Ausbildung war, zum Beispiel. Ich hatte selten super blöde oder langweilige Aufgaben und doch hatte ich immer das Bedürfnis, meinen Arbeitstag irgendwie „rumzukriegen“. Und dann lief es darauf hinaus, dass ich dann auch die ganze Woche rumkriegen wollte, um endlich das ultimative Ziel zu erreichen: Das Wochenende. Irgendwann wollte ich dann einfach die Wochen herumkriegen bis zu meinem nächsten Urlaub.

 

Meine Urlaube bzw. meine Reisen stellten für mich immer die Zeit dar, in der ich wirklich „leben“ statt nur „existieren“ konnte.

 

Aber ist das nicht tierisch deprimierend? Das ganze Jahr über zu existieren, nur um ein paar Wochen im Jahr wirklich zu leben?

 

Fand ich schon. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich die Nase gestrichen voll hatte, gekündigt und mich selbstständig gemacht habe. Ziemlich riskant nach abgebrochener Ausbildung, und doch hat es geklappt und es war die beste Entscheidung meines Lebens. Für mich gab es damals einfach keine Alternative, denn ich wusste: Ich verschwendete einfach meine Zeit. Ich wollte mich nicht nur von einem Urlaub zum nächsten hangeln, sondern jeden Tag bewusst erleben.

 

Warum diese Einstellung zum Leben? Warum schwarz und weiß leben statt nur grau? Warum sollten wir uns diese himmelhochjauchzenden Glücksgefühle und die unweigerlich damit einhergehenden Tiefs auf uns nehmen anstatt einfach nur dahinzuleben und zu „existieren“? Warum sollten wir diese Erschütterungen in Kauf nehmen? Wände einreißen? 

 

Weil es das ist, was das Leben ausmacht.

 

Hochs und Tiefs zu haben, schwarz und weiß, Aufs und Abs, Geschenke und Erschütterungen: All das bedeutet LEBEN.

 

Natürlich kann man durch das Leben gehen und ständig versuchen, diese Tiefs, diese Downphasen, die erschütternden Momente zu meiden. Man kann vor sich hinleben und im eigenen Sein schmoren und wenn du dein Leben so führen möchtest- dann bitte. Nur kannst du mir am Ende deines Lebens nicht erzählen, dass du wirklich gelebt hast.

 

Nein, man sollte auch nicht verzweifelt nach jedem Hoch suchen, um im nächsten Moment wieder in die Tiefe zu stürzen, das ist sicherlich auch nicht Sinn und Zweck der Sache. Aber was bringt es nur so dahinzuleben, darauf zu warten, dass etwas, das Leben passiert, dass der nächste Jahresurlaub antanzt, zu warten bis die erlösende Rente (sollte sie denn noch in diesem Leben eintreffen) kommt?

 

Deswegen liebe ich dieses Zitat: Hier kommt zum Ausdruck, dass es nicht nur die guten Zeiten sind, die das Leben bereichern. Es sind gerade auch die Tiefs, diese Erschütterungen, die nicht nur geduldet, sondern irgendwie auch willkommen geheißen werden. Sie gehören zum Leben. Sie bringen uns wieder ans lebendige Herz der Welt.

 

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Die Höhen und Tiefen machen das Leben erst lebenswert. Foto: Alla Rodionova

 

 

Was sagst du dazu? Bist du der selben Meinung, dass man eher schwarz und weiß statt grau leben sollte? Was macht es für dich aus, zu leben?

 

Ein riesengroßes Dankeschön an die talentierte Fotografin Alla Radionova für die wunderbaren Fotos. Schau doch mal auf ihrer Facebook Seite vorbei und falls du in der Nähe von Düsseldorf bist, melde dich bei ihr für ein Fotoshooting, wenn du auch mal ein paar coole Fotos von dir haben willst. 😉

 

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3 Comments:

  • Katharina Mai 10, 2016

    Mal wieder sehr schön und treffend geschrieben, meine Liebe. Ich gebe dir voll und ganz Recht. Für mich ist es auch wichtig, dass mein Leben “eine Geschichte” ist. Und Tiefen brauchen wir. Sie sind hart, aber wir lernen daraus. Ich hatte wirklich viele Tiefen, aber ohne diese wäre ich eventuell ein oberflächlicherer und weniger empathischer Mensch…

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    • Denise Mai 11, 2016

      Sehe ich ganz genau so! Das sind die Momente, die uns formen und zu dem machen, was wir sind. Und das ist ein sehr schöner Gedanke: Dass das Leben eine Geschichte ist 🙂 So sollte es sein!

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