28 Jul, 2018

Wandern in der hohen Tatra: Von Grenzerfahrungen und magischen Momenten

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28 Jul, 2018

Es ist 5:30 Uhr in der Früh. Die Sonne scheint bereits in die seitlichen Fenster des Vans hinein. Erstaunlicherweise sind wir schon vor Läuten des Handyweckers wach- vermutlich unsere innere Uhr, die verrät, dass heute etwas großes bevorsteht. Die Kofferraumklappe auf, den ersten Blick auf die rauschende Bialka, als Proviant packen wir einige, am Tag zuvor gekaufte Müsliriegel, etwas Obst und das Nudelgericht vom Vorabend ein, aber so lang werden wir ja nicht unterwegs sein, denken wir. Etwa 3 Stunden hin, 3 zurück- so lautet die Angabe der Wanderapp zumindest. Wandern in der hohen Tatra, einem Teil der Karpatenbergkette, die die Grenze zwischen Polen und Slowakei bildet, steht heute auf dem Plan. Die Wanderschuhe (oder eher meine Nike Airs) also an und los geht’s.

 

Wandern in der hohen Tatra: Von Grenzerfahrungen und magischen Momenten

Wie vor einer jeden Wanderung, habe ich heute etwas Bammel, weil man nie wissen kann, was einen erwartet, wenn man die Region nicht kennt. Die meisten Wanderungen sind eine große Herausforderung für mich, nicht nur aufgrund meiner chronischen Lungenerkrankung, der Mukoviszidose, auf Grund derer ich, verglichen mit einem gesunden Menschen, etwas weniger als 50% Lungenkapazität habe, sondern auch, weil ich ein ziemlicher Tollpatsch bin, deshalb auch gern mal über meine eigenen Füße stolpere und mich auf die Nase lege.

Wir stellen „Roxy“, unseren weißen VW T5, auf einem Parkplatz auf der slowakischen Seite ab und passieren dann zu Fuß wieder die Grenze zurück nach Polen, um unsere Wanderung zu starten. Lange laufen wir auf einer asphaltierten Straße. Mit der Zeit steigt der Weg an und führt nach und nach ins Grüne. An der Abzweigung zum touristischeren Meerauge (denn die Strecke ist kürzer und größtenteils asphaltiert), biegen wir stattdessen nach rechts ab in Richtung der Karseen, einen steilen Berghang hinauf, mitten in den Wald hinein. Ab hier von Asphalt jedenfalls weit und breit keine Spur.

 

Die ersten Struggles

Nach nur einer halben Minute des Bergauflaufens beginne ich, nach Luft zu schnappen. „Das packe ich niemals,“ ächze ich zu Flo und schaue dabei auf den steilen Hang vor mir. „Keine Sorge, das wird ganz bestimmt nicht die ganze Strecke so sein.“ Tief im Inneren weiß ich, dass genau das der Fall sein wird und ich fürchte mich innerlich jetzt schon vor den Qualen der nächsten Stunden. Nach nur etwa einer halben Stunde bin ich absolut frustriert und total demotiviert. Das Brennen in der Lunge, der Sauerstoff, der meinen Muskeln spürbar fehlt, die Tatsache, dass mein Körper nicht mitmachen will- all das macht mich rasend. Zudem die Menschen, die, fit wie Turnschuhe, in Windeseile an mir vorbeiziehen, ganz ohne außer Atem zu geraten, während ich alle paar Meter anhalten und bewusst Luft in meine Lungen forcieren muss, beneide ich in diesen Momenten. Eine ganz unangenehme Seite in mir kommt da gerade zum Vorschein, doch ich kann mich gerade nicht dazu überwinden, positiv zu denken. „Das ist verdammt nochmal einfach nicht fair,“ schießt es mir in diesen seltenen Fällen dann einfach durch den Kopf.

Dennoch wandere ich weiter, egal wie oft ich daran denke, dass ich lieber früher als später umdrehen und den Rückweg antreten sollte, denn etwas in mir treibt mich an, immer weiterzulaufen, egal wie sehr es schmerzt und egal wie langwierig und anstrengend der Weg nach oben ist.

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Der Weg durch Wald und Berge beim Wandern in der hohen Tatra.

Einen ersten Hoffnungsschimmer verspüre ich, als wir die erste Lichtung erreichen. Das größte Waldstück haben wir nun hinter uns gelassen und der Blick auf die Berge um uns herum und das Tal in der Tiefe ist nun freigelegt. Dieser erste Moment der Wanderung, der mich wirklich ins Staunen versetzt, erinnert mich daran, weshalb ich das Wandern liebe. Zu Fuß lassen sich die schönsten Ecken dieser Welt entdecken und erleben. So sind wir mittendrin, anstatt nur mal einen Panoramablick zu erhaschen und wieder weiterzufahren.

Weiter geht es bergauf, teilweise mit Blick auf die schroffen Felsen ringsherum, teils durch Tannenlandschaften, an Wasserfällen und Bächen, die am Weg entlang verlaufen, vorbei. Leider kann ich mich nicht so sehr an der Schönheit der Natur erfreuen, wie es mir lieb wäre, da sich gerade ein innerer Kampf in mir abspielt. Auf der einen Seite mein Wille, einfach im Moment zu leben und geduldig mit mir selbst und meinem Körper zu sein, auf der anderen Seite Selbstzweifel, Frust über mich selbst und über die immense Anstrengung. Nicht nur einmal bin ich kurz davor umzudrehen und den Rückweg anzutreten, bis zu dem Punkt, an dem ich die Tränen einfach nicht mehr zurückhalten kann und mich erschöpft und frustriert auf einem Stein niederlasse und erstmal alle rauslasse, das sich (nicht nur während der letzten Stunden) in mir aufgestaut hat.

 

Die eigenen Grenzen erfahren

Ich fühle, wie diese Wanderung, diese persönliche Herausforderung, alles von mir abfallen lässt. All die Sorgen, der Stress, die Hektik, der Druck- alles weicht plötzlich von mir, während ich die Tränen fließen lasse. Ich realisiere, dass das hier eine Art Reinigung für die Seele und den Körper ist und dass ich mal wieder an meine eigenen Grenzen kommen musste, um zurück zu mir selbst zu finden. Um mich wieder selbst zu spüren und mir im Klaren darüber zu werden, wozu ich eigentlich imstande bin und um die Lebenskraft und -energie in mir neu zu erwecken. Mit neuem Mut gehen wir also die letzte Etappe an.

Natürlich beginnt es genau jetzt, in Strömen zu regnen. Die erfahreneren Wanderer, die unseren Weg begleiten, packen ihre Regenjacken oder -capes aus und stülpen sich diese über, während wir, völlig unvorbereitet, in Shorts und T-Shirts weiterwandern und klatschnass werden. Der Weg wird zudem immer steiniger und entsprechend rutschig, wobei mir dann das erste Mal der Gedanke kommt, dass ich ja eigentlich vernünftige Wanderschuhe im Van gehabt hätte. Es wird außerdem eisig kalt, denn auf dieser Höhe können wir sogar auf den umliegenden Bergkuppen Schnee sehen, der teils schon vereist und bombenfest ist. Einen Pulli mitzunehmen, wäre vermutlich auch nicht verkehrt gewesen.

Zwischendrin, während kurzer Verschnaufpausen, schauen wir uns die Strecke an, die wir bisher zurückgelegt haben und ich kann kaum fassen, wie viele Höhenmeter wir doch bewältigt haben. Die Aussicht ist außerdem überwältigend. Vor uns liegt das Tal, aus dem wir kommen, mit vielen kleinen, bunten Tupfern aus mit Regencapes bedeckten Wanderern, ringsherum die steilen Berge, teils grün überzogen, teils felsig und schroff. Ich liebe es, wie die Berge von nah nach fern immer blasser werden und ich muss plötzlich an den Kunstunterricht in der Schule denken, als man Berge gemalt und die Farbe dieser ferner liegenden Berge immer mit Deckfarbe gemischt hat, um den Effekt der Tiefe zu erzeugen. Von dem Bergsee, an dem wir fast angekommen sind, stürzt ein Wasserfall die steile Felswand neben uns in die Tiefe herab.

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Der Blick, kurz vor Erreichen des Gipfels, auf die Strecke, die wir bereits hinter uns gelegt haben.

 

Ankommen im Hier und Jetzt

Und dann stehen wir oben. Unser Blick fällt auf den Bergsee vor uns, klar und still, inmitten hoch ragender Berggipfel. Sofort beginne ich, das zweite Mal an diesem Tag zu weinen, diesmal jedoch aus tiefer Freude und Dankbarkeit. Etwa 6 Stunden haben wir gebraucht, statt der ursprünglich angedachten drei. Ich schaue Flo an, der über das ganze Gesicht strahlt, mich dann in den Arm nimmt und mich festhält. Wie in einem Film, bricht plötzlich sogar die Sonne durch die graue Wolkendecke und scheint auf uns herab. Da wir ziemlich durchgefroren sind, vernehmen wir die Sonnenstrahlen auf der Haut als wahres Geschenk.

 

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Pure Dankbarkeit und Freude beim Erreichen des Bergsees.

 

Die Erfahrung mit Dankbarkeit annehmen

Als ich die Menschen sehe, die, in ihrer vollen Wandermontur, gerade am Gipfel angekommen, lediglich einen kurzen Blick auf den Bergsee werfen, um dann weiter Richtung Berghütte weiter zu spurten, schießt es mir kurzerhand in den Kopf, wie dankbar ich dafür bin, dass für mich diese Wanderung eine so große Herausforderung dargestellt hat und wir eben nicht in Windeseile hochwandern konnten, denn sonst hätte ich womöglich diesen magischen Moment in all seiner Einzigartigkeit wohl gar nicht so wertschätzen können. Und auch wenn ich meine Krankheit schon hier und da mal verdamme, weiß ich, dass ich sie nicht ohne Grund habe.

 

Achja, und der Rückweg ging nicht viel leichter von der Hand, wenn er auch weniger anstrengend war, denn die Strecke bergauf musste natürlich (im strömenden Regen) auch wieder hinab gelaufen werden. Gegen 18 Uhr sind wir wieder am Van angekommen und machten uns erstmal auf den Weg ins nächste Spa, um unseren schmerzenden Gliedern etwas Gutes zu tun. 😉

Hast du schon ähnliche Erfahrungen gemacht durch bestimmte Grenzerfahrungen oder ähnliche Momente wie diese? Erzähle mir gern davon in den Kommentaren!

 

Fotoimpressionen

Hier sind noch ein paar Fotoimpressionen für dich von besagter Wanderung in der hohen Tatra:

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Noch zu Beginn unserer Wanderung durch die Berge der Tatra-Region zwischen Polen und der Slowakei.

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Wunderschöne Wasserfälle säumen den Weg.

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Oben angekommen, fix und fertig, aber glücklich.

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Der erste Blick des Bergsees am Gipfel.

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Das Farbenspiel fand ich besonders schön während der Wanderung.

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Auf dem Rückweg konnte man auch mal wieder ins Genießen kommen.

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Die mystische hohe Tatra..

 

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5 Comments:

  • Sarah August 08, 2018

    I also have a lung disease. Mine is called LAM (lymphangioleiomyomatosis). I could relate so much as I read this story of your hike. Although I can barely do more than an hour (and that’s with supplemental oxygen) – 6 hours is incredible! It is true that going slower allows us to treasure all the little moments much more than those fast, fit hikers. I try to remind myself of that every time I have to stop to breathe. I try and take look around me and take it all in and feel good about myself and what I’m doing and grateful that I can still do it. Thank you for putting all my thoughts and feelings and frustrations into a beautiful and inspiring story. And of course the photos are incredible!

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    • Denise August 11, 2018

      Hey Sarah,
      thanks so much for your comment and kind words. That means a lot to me 🙂 Hugs from Germany!

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  • reli Juli 30, 2018

    Hey Denise, ich kann deine Erfahrung total nachfühlen. Diese Art von Wandern ist mein Lebenselixir. Die heftigste Erfahrung bisher war vor ein paar Jahren mit damals unter 30% fev1 die Tongariro Crossing in NZ zu wandern, es ging praktisch ununterbrochen bergauf (von ca 1100 auf fast 1900m) und einen guten Teil davon auf Geröll, dh bei jedem Schritt rutschte ich wieder die Hälfte nach unten. Zudem wurde die Luft dort oben dann ziemlich dünn. Gegen Ende des Aufstiegs hab ich ca alle 10 Schritte Pause gemacht und alles was ich denken konnte war: ‘den nächsten Schritt schaffst du auch noch’, und irgendwann war ich dann oben. Ans Aufgeben hab ich allerdings nie gedacht, (auch wenn es mich etwas Mut gekostet hat an diesem Schild vorbei zu laufen, auf dem stand: “Are you sure you are fit enough? Consider turning back”). Mein Willen war eisern und dass ich es im Vergleich zu den anderen so schwer hatte hat mich nur noch mehr angefeuert und stolz gemacht, dass ich es trotzdem tue. 😉 Ich nenne diese Hartnäckigkeit meinen ‘Traktormodus’. Langsam aber unaufhaltsam. Der Abstieg war dann nochmal eine Herausforderung, weil meine Beine so müde waren. Insgesamt fast 20km und 12 std.
    Ich hab gut geschlafen in der Nacht. 😉

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    • Denise August 03, 2018

      Liebe Aurelia,
      wie schön von dir zu lesen, ich freue mich total 🙂 Und danke, dass du deine Erfahrung teilst, ich erkenne mich darin sehr gut wieder. Vor allem über den “Traktormodus” musste ich etwas lachen, denn auch den kenne ich von mir selbst. Das war auch das Ding bei der Wanderung, dass der letzte Teil, wo es so geschüttet hat, aus Geröll bestand- nicht ganz ungefährlich, aber es ging! Irgendwann musste ich mir auch eingestehen, dass ich es halt auch einfach nur ganz langsam schaffe und bin dann Schritt für Schritt vorgegangen. Und das mit dem Abstieg war auf jeden fall auch deine Sache für sich- der Lunge ging es zwar gut dabei (denn nach dem Bergauflaufen hatte die Lunge sich schließlich schon ein wenig gedehnt) aber die Beine waren echt so wabbelig beim Abstieg. Am nächsten Tag war auch der ganze Körper komplett steif und da ich auf dem Rückweg auch noch voll umgeknickt war, habe ich die nächsten Tage nur gehumpelt 😀 Aber hey, das ist es doch alles wert, oder? 😉 Fühl dich lieb gedrückt und bis ganz bald <3

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